Schnee von gestern
In einer nahen Zukunft
Ganz tief unter der Erde
Erzählt ein Onkel seiner Nichte
Folgende Geschichte:
Früher ging mit jedem Tag
Immer auch der Dämon weg
Hat sich in der dunklen Nacht
Hinterm Horizont versteckt
Doch er schickte nicht nur Strahlen
Schickte nicht nur Hitzetod
Schenkte auch durch Wärme Leben
Schenkte uns das täglich Brot
Und zu jener Zeit, die wir
Damals Winter nannten
Nur kurze Zeit, bevor dann später
Alle Wälder brannten
Da wurde es sogar
Noch manchmal richtig kalt
Und oben in den Wolken
Erzählt der Onkel dann
Nahm Wasser hin und wieder
Ganz besondere Formen an
Wie winzig kleine Blumen
Geformt aus echtem Eis
Kaum schwerer als die Luft
Gekleidet ganz in Weiß
So schwebten sie behutsam
Zur Erde sanft herab
Und legten ihre Blumenleiber
Auf das große Grab
Dass damals uns noch Heimat war
Vor dem großen Sterben
Vor den großen Feuern
Und dem großen Verderben
Als der Bruder und die Schwester
Noch am Leben waren
Liebten wir als Kinder
Diesen Tanz der Himmelsscharen
Wir schauten ihnen zu
Aus Kinderzimmer-Fenstern
Bestaunten das Gestöber
Dieser flockigen Gespenster
Erfreuten uns am Zauber
Der schönen weißen Pracht
Wie Schneekönige haben wir
Den ganzen Tag gelacht
Wie hypnotisiert
Klebten wir an unseren Scheiben
Und glaubten, dieses Wunder
Würde uns für immer bleiben
Doch heute wird es nicht mehr kalt
Gibt es kaum noch einen Wald
Gibt es keine Tänze mehr
Sind Kinderaugen leer
Gibt es kaum noch Brüder
Gibt es kaum noch Schwestern
Ist das alles nicht viel mehr
Viel mehr als Schnee von gestern
© 2025 Thot. Alle Rechte vorbehalten