Flusskrebs
Ein kleiner Wasserlauf
Hat den Weg ans Licht gefunden
Sich an die Oberfläche
Aus der Unterwelt gewunden
Noch stürzt er kaum den Berg hinab
An schroffen, steilen Hängen
Als schon die ersten Menschen ihn
Mit Sinn und Zweck bedrängen
Schon kurz nach der Geburt
Wird der Kleine eingefasst
Und die wunderbare Wildheit
Mit dem Maßband angepasst
Denn so wie er dort sprudelt
Ganz ungezähmt und klar
Lässt sich sein Lauf nicht lenken
Und das birgt die Gefahr
Dass er in Formen fließt
Ganz so wie es ihm beliebt
Ohne dass der Mensch ihm vorher
Eine nützlichere gibt
Rasch wird er also eingegliedert
In die lange Chronik
Menschlicher Beschränktheit
Und Verwertungslogik
So weiß er schon am Oberlauf
Von Dämmen und auch Sperren
Und kennt mit Ordnung und Struktur
Die Namen seiner Herren
Sie zähmen und sie zügeln
Seine wilde Energie
Und schon bald bleibt nicht mehr viel
Von der kindlichen Magie
Und wo Klarheit und auch Reinheit
Aus dem Kinderleib verschwinden
Lässt sich bald auch nicht ein Flusskrebs
Mehr auf seinem Grunde finden
Und so verfließt ihm seine Jugend
Bis zu seinem Mittellauf
Doch die Liste seiner Pflichten
Hört für ihn auch hier nicht auf
Denn, nun wässert er die Felder
Und jetzt gießt er ihre Gärten
Noch den allerletzten Tropfen
Wollen sie von ihm verwerten
Und zu allem Überfluss
Muss er Kriegsmaschinen kühlen
Nur damit sie dafür dann ihr Gift
In seine Adern spülen
Auf seinen Schultern trägt er
Ihre tonnenschweren Lasten
Begradigt ist sein Lauf
Ohne Raum für ihn zum Rasten
Manchmal will er einfach fließen
Ganz gemäß seiner Natur
Ohne Stauwerke und Deiche
Ohne ewige Zensur
Manchmal will er einfach fließen
Doch ob er das dann auch darf
Das entscheidet nicht sein Wille
Sondern einzig der Bedarf
Überformt und eingeengt
In den trüben Lebenslauf
Treten für und in dem Fluss
Mehr und mehr Probleme auf
Sie schütten ihn voll Unrat
Als Dank für seine Mühe
Und schon verwandelt sich sein Blut
In eine braune Brühe
Sie stopfen ihn voll Müll
Und voll alter Medizin
Nur macht die ihn nicht gesund
Sondern nein, sie tötet ihn
Denn hinter all den Pflichten
Und dem ganzen Menschendreck
Wächst dort tief in seinem Inneren
Ein dunkler, schwarzer Fleck
Ja wer hätte das gedacht?!
Hier auf seinem letzten Stück
Ist mit einem Mal doch tatsächlich
Der Krebs im Fluss zurück
Dabei hat er sich immer
Auf die Rente so gefreut
Doch leider hat der Tumor schon
Im ganzen Leib gestreut
Man sieht ihn überall
Auf dem Ultraschall
So kurz vor seinem Ende
So kurz vor seiner Mündung
Ist der Sinn des Lebens nur noch
Eine menschliche Erfindung
Und man sieht ihn überall
Auf dem Ultraschall
Ja, man sieht ihn überall
Dort auf dem Ultraschall
© 2025 Thot. Alle Rechte vorbehalten